Brasilien FotoBlog

Versorgungs-Karte

Veröffentlicht am 2. Februar 2006 - 14:56h unter Blogarchiv 2005-2012

Selbst in Ländern wie Brasilien ist man ohne Konto hilflos. Diese Erfahrung machten wir nun die letzten Tage, als es um die Auszahlung des Gehaltes meiner Frau ging. Erst einmal wurde niemand informiert und niemand wusste etwas. Dann kam am gestrigen Tag ein Umschlag aus der Hauptverwaltung, doch der ersehnte Scheck wie im Vormonat war nicht dabei. Nur eine Kreditkarte namens „Ticket Alimentação„. Als sog. „Familienzuschuss“ (Programa de Alimentação do Trabalhador) erhält Vilma eine Zuzahlung auf ihren Lohn von 105 R$ (ca. 40 Euro) im Monat, der allerdings nicht bar ausgezahlt wird. Somit sollen von dem Geld nur Lebensmittel eingekauft werden. Das Guthaben auf der Karte akkumuliert sich, wenn jeden Monat neu per System den entsprechende Betrag zugebucht wird. Ich werde die Karte heut nachmittag mal bei unserem Supermarkt testen. Authentifiziert wird die Abbuchung mit einem 4-stelligen PIN-Code. Angeblich haben 10 Millionen Arbeiter und Angestellte in Brasilien so eine Karte.

Ich hatte ja bereits über die Arbeit und das Einkommen meiner Frau berichtet. Das Grundgehalt liegt also nicht bei 480 R$ (ca. 185 Euro), sondern bei 380 R$ (ca. 145 Euro) . Dazu kommt die Einkaufskarte von 105 R$ (ca. 40 Euro). Nur in den ersten drei Monaten Probezeit verdient sie nur 345 R$ (ca. 132 R$). Sind aber immerhin noch 15% mehr als der vorgeschriebene Mindestlohn von 300 R$ (ca. 115 Euro). Der Fahrtkostenzuschuss liegt bei eigentlich nicht erwähnenswerten 6%. Steuern und Versicherung betragen ungefähr 10%. Um die ständigen Preissteigerungen zu kompensieren, wird ja jetzt landesweit der Mindestlohn auf 350 R$ (ca. 135 Euro) heraufgesetzt. Der Bundesstaat Paraná plant sogar eine Erhöhung auf 437 R$ (ca. 168 Euro). Stellt sich die Frage, ob das Grundgehalt meiner Frau dann wiederum diese 15-25% über der gesetzlichen Vorgabe liegt. Dies bleibt abzuwarten.

Aber zurück zum Thema Bankkonto. Nun stellte sich heraus, dass das Geld doch schon auf einem Gehaltskonto gutgeschrieben wurde. Diese Kontoart ist ausschliesslich dafür da, seinen monatlichen Lohn abzuheben. Man kann dort kein Geld einzahlen und es wie ein Girokonto verwenden. Dieses Konto wurde direkt von der Firma auf den Namen meiner Frau bei der Banco do Brasil eingerichtet. Jetzt musste sie es nur noch offiziell bei ihrer Zweigstelle verifizieren. So sind wir heute auf die Bank, und siehe da, der Computer spuckte direkt sämtliche Daten inklusive Kontostand aus. Abgeglichen wird dies alles über die Steuerkarte CPF, die Wunderkarte Brasiliens, ohne die gar nichts läuft. Die Bank behält 0,38% Bearbeitungsgebühr ein und schon wenige Minuten später hielt meine Frau ihr schwerverdientes Geld in den Händen.

Bei der Gelegenheit habe ich endlich auch einmal mein Konto eröffnet. Ich habe die einfachste Kontoart mit VisaElectron gewählt. Kostet mich 8 R$ (ca. 3 Euro) im Monat. Und natürlich habe ich sofort einen Dispositionskredit eingeräumt bekommen. Ist einmal wieder systemtechnisch nicht anders zu handhaben. Ich wollte ihn nämlich nicht, da ich weiss, wie Verlockend so etwas ist. Und als ich die Überziehungszinsen hörte, habe ich den Sachbearbeiter solange bequatscht, dass er den Dispo auf die unterste Grenze von 50 R$ (ca. 19 Euro) festgelegt hat. Ich muss mich vor mir selbst schützen. Denn ich würde mich unglaublich ärgern, im Falle einer ungewollten Überziehung 8% Überziehungszinsen zu zahlen – monatlich – und dies ist kein Schreibfehler! Das Konto habe ich dann auch gleich für Internet-Banking freigeben lassen. Wenn schon – dann gleich richtig! Zumindest hier ist Brasilien auch ziemlich modern.

Wenn ich mir also die vergangenen Tage betrachte, habe ich doch einiges erreicht:

– das brasilblog realisiert samt Übersetzung, Einbringen neuer Funktionen und Umgestaltung des Templates.
– Aufenthaltsgenehmigung verlängert
– Arbeitserlaubnis verlängert (analog zur Aufenthaltsgenehmigung)
– Bankkonto eingerichtet
– von gestern auf heute mich mal richtig ausgeschlafen

Und nun werde ich erstmal wie oben angekündigt unsere neue Einkaufskarte ausprobieren. Für was braucht man eigentlich noch Bargeld?