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Veröffentlicht am 9. Januar 2006 - 16:04h unter Blogarchiv 2005-2012

Mail an mich:

Zur Zeit plagen wir uns hier mit der Frage, ob wir dauerhaft (hier) leben sollen oder doch wieder nach Deutschland zurück gehen sollten. Wenn ich Nachrichten über Deutschland höre, dann geht es immer nur um die miese Wirtschaft und der daraus resultierenden Arbeitsmarktlage und so weiter und so fort, und in solchen Momenten denke ich mir immer, dass es uns (hier) doch so viel besser geht. Jedenfalls muss ich mir keinen Kopf um Arbeitslosigkeit machen. Dafür gibt es hier so viele Dinge, die mich stören. [..] Und dann lese ich dein Blog aus Brasilien und denke mir, du hast die Entscheidung mit deiner Familie bereits getroffen. Was mich nun wirklich brennend interessiert, ist welche Parameter für deine Entscheidung ausschlaggebend waren und wieso du dich letztendlich entschieden hast in Brasilien zu leben.

Meine Antwort:

Hallo, jetzt habe ich Zeit gefunden, ausführlich auf deine Frage zu antworten.

Im Jahre 2001 war ich im Key Account Management eines grossen Mobilfunkanbieters tätig. Dies bedeutete für mich sehr viel Aussendienst und noch viel mehr Stress. Doch nach 2 Jahren war ich irgendwie ausgebrannt und konnte und wollte mir diesen Stress einfach nicht mehr geben. Ich gab einen eigentlich guten Arbeitsplatz auf, packte meine Sachen, löste die Wohnung auf und ging nach Paraguay. Dorthin war bereits ein Freund von mir ausgewandert, den ich zwischenzeitlich auch schon für einen Monat besucht hat. Mit ein wenig Geld (3000 Euro blieben, nachdem ich alles bezahlt hatte) und nichts als Unsinn im Kopf setzte ich mich also ab. Für mich war es mehr Abenteuer und Risiko als „geplantes, wohlüberlegtes Auswandern“. Nach ein paar Monaten ging dann mein Freund zurück nach Deutschland. Diesmal folgte ich ihm nicht.

Da stand ich also in Paraguay mit schlechten Sprachkenntnissen, keinerlei sozialer Absicherung und natürlich auch ohne Job. Ich richtete mir eine karge Wohnung ein und lebte bescheiden ein paar Monate, doch auch in Paraguay geht das Geld schnell flöten. Inzwischen war ich fast am Nullpunkt angekommen und konnte meinen Lebensunterhalt nur von den unregelmässigen Ratenzahlungen eines Freundes begleichen, dem ich Teile meiner Wohnungseinrichtung in Deutschland verkauft hatte. Schliesslich fand ich einen Job in einem deutschen Hotel. Dadurch kam ich wiederum mit anderen Deutschen in Kontakt; einer davon bot mir einen besseren Job an, den ich dann knapp über 3 Jahre innehatte.

Ich verbesserte also meine Lebenssituation. Ich lernte meine Frau dabei kennen und lieben und so zogen wir zusammen. Anfänglich lebten wir in einem kleinen Häuschen zur Miete, später betreuten wir eine Immobilie meines Chefs, in der wir auch wohnten. So konnte ich ca. 3000 Euro zusammensparen. Zwischenzeitlich wurde meine Frau, die seit knapp 10 Jahren in Paraguay lebte, schwanger. Es ist ein absolutes Wunschkind. Und daher schickte ich sie auch die letzten 3 Monate vor der Geburt nach Brasilien zu ihrer Familie, damit eine vernünftige medizinische Versorung und Betreuung gewährleistet war. Wir wollten auch nicht, dass unsere Tochter in Paraguay geboren wird, da dies dann unglaubliche Probleme mit der paraguayischen/brasilianischen/deutschen Staatsbürgerschaft gegeben hätte. Nach der Geburt kam meine Frau zurück nach Paraguay, wo wir noch ein halbes Jahr lebten und arbeiteten.

Nun war es jedoch auch für mich möglich, relativ unkompliziert in Brasilien eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu erhalten. Was noch heute in Paraguay absolut kein Problem darstellt, ist hier in Brasilien sehr schwierig geworden. Gerade zum 01.01.2006 wurden die Auflagen nochmals verschärft. Und da Brasilien gegenüber Paraguay ein mehr oder minder zivilisiertes Land ist (besonders im Süden), hat es mich schon gereizt. Denn den Dreck und die Niveaulosigkeit in Paraguay hatte ich langsam satt. Ausserdem rechne ich mir nachwievor in Brasilien bessere Chancen für meine Familie und meine berufliche Entwicklung aus.

Ich möchte nicht nach Deutschland zurück. Dies hat viele Gründe. Angefangen von den Dingen, die ich in den Zeitungen lesen muss, über die Mentalität der Menschen, des Klimas, der „Art“ Deutschlands. Ich kann es schlecht erklären. Meine Frau möchte auch nicht dorthin. Ihre Gründe reichen von Angst vor Fremdenhass bis zum Wetter. Daher haben wir dies auch nie ausführlich diskutiert.

Mir ist schon klar, dass ich hier sozial nicht abgesichert bin. Eigentlich ist für mich die grösste Sorge, was passiert mit meiner Familie, wenn mir etwas zustösst. Alles andere kann ich persönlich hier ausgleichen. In diesem sehr toleranten Land was z.B. Religion betrifft, kann ich sehr gut leben. Für die Bildung sind meiner Meinung nach mehr die Eltern als die Lehrer verantwortlich. Ich werde hier versuchen, meinen Teil beizutragen. Korruption ist im kleinen Rahmen hier gegenüber Paraguay nur selten vorhanden. Wenn abgezockt wird, dann im grossen Stil ganz oben. Also hat man damit wenig Kontakt.

Es gibt auch vieles, was mich hier stört. Also muss ich abwägen. Wie wäre es in Deutschland zu leben, wo ich meine Nachbarn nur dann kennenlerne, wenn ich die Musik mal wieder ein bisschen zu laut habe? Wie ist es in einer Ellenbogengesellschaft zu leben, welche meine Frau nie ganz begreifen würde? Wie ist es in Brasilien zu leben, wo einem vieles versprochen wird, aber nur wenig gehalten? Ich kann die Punkte nicht auf einen Zettel schreiben, Punkte verteilen und einen Gewinner ermitteln. Ich muss wie so oft im Leben auf meinen Bauch hören. Und lieber treffe ich eine falsche Entscheidung als gar keine. Und nachdem ich mich bewusst für Brasilien entschieden hatte (denn in Paraguay kam halt auch kurz die Überlegung auf, mit Frau und Kind nach Deutschland zu gehen), ist dies nun meine Heimat, deren Probleme ich mich stellen muss, in die ich mich integrieren muss und das bestmögliche aus meiner Zukunft machen muss. Dann rücken solche Fragen wie „gehe ich nach Deutschland“ komplett in den Hintergrund. Dann lässt sich alles auch besser und mit freiem Kopf anpacken. „Du bist jetzt hier und du musst dich dieser Herausforderung stellen!“ Punkt. Da spielt sicherlich auch ein wenig falscher Stolz eine Rolle. Man will ja schliesslich nicht versagen.

Tja, und wenn man (finanzielle und soziale) Sicherheit will, dann ist man als Deutscher in Deutschland immer noch am besten aufgehoben. Da gibt es keine Argumente, die dies aushebeln könnten. Nur was nützt mir das alles, wenn ich nicht glücklich dabei bin. Ich habe gelernt, dass eben diese Sicherheiten nicht alles sind. Und das es immer wieder einen Weg gibt. Weiss gott, hier ist auch nicht nur Sonnenschein und man hat dann andere Probleme, aber mit Sicherheit kann ich für mich sagen, dass ich seit Jahren wesentlich ruhiger und zufriedener geworden bin. Und anspruchsloser. Manchmal fällt es mir schon schwer, mit Leuten aus Deutschland zu reden, die mir immer nur sagen, was sie alles tun müssen, und welch tolle Karriere sie machen. Und wenn ich frage, wie ihr Leben so ist, dann reden sie vom ein oder anderen Kneipenbesuch und einem Kurzurlaub in der Toskana. Und Entspannung? Dafür haben sie keine Zeit. Schade. So habe ich über ein Jahrzehnt voller Hektik in Deutschland gelebt, und so will ich nicht noch einmal leben.

Und meine Tochter hat hier viel mehr Freiräume als in Deutschland. Sicherlich hat sie aufgrund unserer Situation weniger Spielzeug oder ähnliche materielle Dinge, aber erfährt vielleicht mehr Liebe durch ihre Mitmenschen und Eltern.

All dies sind selbstverständlich subjektive Gedanken und Erfahrungen, die man nicht verallgemeinern darf. Ich habe dies also ausschliesslich aus meiner persönlichen Sicht hier niedergeschrieben. Ob meine Entscheidungen klug waren, oder ob ich ein Vollidiot bin sei dahingestellt. Meine Familie und ich sind zufrieden. Wir leben sehr bescheiden, aber ziemlich glücklich. Und das alleine zählt.

Ich hoffe, du konntest mir bei meinen Gedankensprüngen ein wenig folgen. Ich denke zwar nicht, dass es dir bei deiner Entscheidungsfindung hilft. Aber vielleicht findest du ja ein paar Denkanstösse darin.

Liebe Grüsse aus Brasilien, Dietmar