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Mein Weihnachten in Brasilien

Veröffentlicht am 23. Dezember 2006 - 22:44h unter Blogarchiv 2005-2012

Manchmal sollte man nicht unbedingt nüchtern sein, um einen wahrheitsgetreuen Beitrag zu schreiben. Daher finde ich nun, obwohl das Treffen der Tasten mir bereits schwerfällt, dass es der richtige Zeitpunkt ist, meinen kleinen Weihnachtsartikel hier aus der paranaensichen Provinz zu verfassen.

Es ist 22.15 Uhr Ortszeit am 23. Dezember und morgen ist Heiligabend. Und dieser beginnt etwa Morgen abend etwa um 23.30 Uhr, da meine Frau wie in den letzten Tagen auch Doppelschicht fahren muss. Der Weihnachtsverkehr läuft auf Hochtouren, zudem ist das Wetter äusserst bescheiden, die Busse schmutzig, viele Passagiere und Überstunden sind somit die Regel.

Doch wenn meine Frau letztendlich kurz vor Mitternacht zum diesjährigen Weihnachtsfest erscheint, welches bei ihrer Mutter stattfindet, wird die ganze Verwandschaft bereits versammelt sein. Zumindest die Nähere. Und da in unserer Familie das Geld knapp ist, wurde bei der Geschenkeverteilung gelost. Jeder zog einen Namen aus dem Topf und nur diesen „muss“ man beschenken. Vorgabe war zudem, dass das Geschenk zwischen 5 und 10 R$ kosten soll. Dies sind zwischen 1.8 und 3.6 Euro.

Natürlich viel es mir schwer, Geschenke für diesen Preis zu finden, so dass ich mal wieder ein bisschen mehr als das Doppelte ausgegeben habe. Sei es drum, Morgen nacht um Mitternacht werden dann die Geschenke verteilt, es wird leckere Bistecas zum Essen geben und wir werden kräftig auf Weihnachten anstossen.

Am Montag, den 25. werden wird dann nach der Ausnüchterung zu Vilmas Onkel und Tante gehen. Dort werden wir ein zünftiges Churrasco erleben. Musik, Schnaps und Fleisch werden in Strömen fliessen. Geld, Status oder Hunger spielen keine Rolle. Auch Geschenke werden nicht erwartet. Das grösste Geschenk ist bereits das Erscheinen und Mitfeiern. Heute Nachmittag traf ich zufällig den entsprechenden Saufkumpan im Supermarkt. Er versicherte mir, ab 8 Uhr morgens wäre er bereit mitzuhalten. Ich werde in wohl beim Wort nehmen und ihn zu einem leckeren Pinga zum Frühstück einladen. Fotos des Events kommen mit Sicherheit – allerdings erst nach der Ausnüchterung.

Alle diese Menschen in meiner neuen Familie in Brasilien, die nun in den nächsten Tagen so ausgelassen feiern wollen und dabei ihre Reserven anzapfen, sind harte Arbeiter. Ein ganzen Jahr lang arbeiten sie 6 Tage die Woche, kümmern sich um ihre Familie, versuchen ein Haus zu kaufen oder ein Auto anzuschaffen und verzichten auf viele Dinge. Doch an Weihnachten wird einmal richtig auf den Putz gehauen.

Glücklicherweise hat Vilma dieses Jahr am 25. Dezember frei. Dafür muss sie allerdings am 01. Januar von 7 Uhr morgens bis 23.30 Uhr nachts arbeiten. Das Leben ist nicht einfach hier in Südamerika. Doch die Leidenschaft, die die Menschen trotz aller Probleme versprühen, ist Grund genug für mich, hier meinen Lebensmittelpunkt zu sehen, mein Kind grosszuziehen und gemeinsam mit der Frau, die ich liebe, alt und grau zu werden.

Ich wünsche allen meinen Lesern ein friedvolles und gesegnetes Weihnachtsfest.