Brasilien FotoBlog

Harry Hirsch im Fan-Park in München

Veröffentlicht am 18. Juni 2006 - 20:55h unter Blogarchiv 2005-2012

Erinnert ihr Euch an meinen Eintrag zum ersten Gruppenspiel der Seleçao gegen Kroatien? Bekanntlich dauert es immer ein bisschen länger, bis die Post hier nach Brasilien kommt, aber nun habe ich endlich den Bericht von Harry Hirsch vorliegen, den ich nachfolgend ungekürzt und unzensiert veröffentliche. Er stammt – dies vorweg gesagt – nicht aus meiner Feder. Zuerst jedoch als Einleitung noch ein kurzer Auszug aus meinem Eintrag, bzw. Kommentaren:

In einem durchwachsenen Spiel gegen Kroatien, in dem Brasilien nicht unbedingt wie der zukünftige Weltmeister aussah, hat die Seleção mit einem Tor in der 43. Minute durch Kaká die erste Aufgabe gemeistert.

Wie ist das Wetter? Wie ist die Stimmung?
Ich gebe ab nach Deutschland …

Ja, hallo. Hier meldet sich der rasende Reporter Harry Hirsch aus dem bayrischen Bauernagglomerat, der Metropole München. Die kleinlichen Kroaten haben bekanntlich ja vor einer wechselnden Woche die leuchtende Leinwand verlassen und meine leidende Leber wurde auch ausgetauscht.

Leute, das war ein herrliches Spiel. Es war nicht langweilig. Keineswegs. Es kam nur drauf an, wo man hingeschaut hatte. Die Leinwand, ein riesiger LCD-Fernseher von einer holländischen Glühbirnchenfirma (… ich nenn jetzt zur Strafe die Firma nicht, sie wollt mir kein Sponsorengeld zahlen …) und dutzende wackelnde Är … okay, das gehört jetzt nicht dazu, denn gewackelt hat beim 1:0 eher der LCD-Fernseher als mancher a …rgenlner Kroate … . Obwohl, gelb-grüne Flächen, egal welche Rundungen sich da einem unbedarften Zuschauer präsentierten.

Und in der Halbzeit: Hupfdohlen von der Kreditkartenfirma, für die Pele auch bei seinen Viagra-Werbungen nicht halt macht, unter dem LCD-Fernseher und ein Moderator, der seines Gleichen sucht. Selbst die Sabine Christiansens und Reinhold Beckmanns dieser Nation erschienen ihm gegenüber noch als hochbegabtes Kompetenzträger. Wie gesagt: „seines gleichen sucht“. Heisst viel potential zu Verbesserung …

Egal. Back to the facts. Ein Tor, viele hüftende Ä… äh, Fans und ich direkt vor dem LCD-Fernseher. Und das alles im Fan-Park.

Apropos Fan-Park.

Am Eingang zum Fan-Park durfte man nur einen halben Liter Wasser mitnehmen. Alles andere kam in den Reststoffwertstoffcontainer. Die FIFA und deren Sicherheitsregularien wollten es so. Es kann ja auch nicht sein, dass jemand einen anderen mit einer dünnwandiger 1,5 litrigen Vittel-Wasserflasche niederprügelt. Eben. Da wird der Geprügelte eventuell noch nass. Besser war es die 1/2-Liter-Bierbecher mit Inhalt zu kaufen. Erstens sind die scharfkantiger und zweitens ist da ein Euro Pfand drauf. Und weil geiz geil ist, – so die Organisatoren der Fanmeile – wird auch keiner zuschlagen (man bedenke, so ne dünnwandige Wasserflasche hat immerhin 25 Cent Pfand; somit ist das Zuschlagverlustrisiko mit Wasserflaschen viermal so hoch). Warum ich gerade von einem Bierträger mit einer Kanne Bier von oben bis unten eingesaut wurde, das wird auf eh ein Geheimnis des Schiksals Murphys bleiben. Und dem Brasilianer, der sich lächelnd tausendmal bei mir entschuldgte.

Übrigens ist der offizielle Name vom Fan-Park „Public Viewing Area“. Das erinnert an 1954, als Deutschland mal wieder Weltmeister wurde. Da standen die Leute vor Schaufenstern und glotzten in SW-Fernseher, weil sie selber kein Geld hatten.

Und heute? Jeder Haushalt hat nen Fernseher, aber trotzdem geht man in öffentliche Glotzgebiete (wie ich mir rausnehme, das Denglische mal fachgerecht zu übersetzen). Für solche „Ich-glotz-TV“-Gebiete nehme ich es mal auch in Kauf, direkt vor dem riesigen LCD-Fernseher zu hocken und mir das HDTV-Erlebnis von ganz nahem reinzuziehen. HDTV? Was das ist? High definition Television. Hochauflösendes Fernsehen. Da sieht man die Scheisse doppelt so scharf, und zwar noch besser, wie als ob man bei ARD und ZDF in die erste Reihe reihern würde. Und Brasilien hat eben so gespielt. Wie bei der ARD und ZDF in der ersten Reihe … Gut, ein Tor haben sie gemacht. Aber nivelliert das die Bierpreise im Fan-Park? Wenn dann die Presse danach schreibt, dass die Leute während des Spiels Brasilien-Kroatiens bei Temperaturen um die 28 °C nicht genügend getrunken haben und deswegen einige dehydriert umgekippt sind … ja, da sind diese Deppen selber Schuld. Hätten die mehr Geld von zu Hause mitgenommen, das ein oder andere Bier hätten die sich wohl leisten können und nicht nur den 1/2 Liter Kraneburger von daheim.

Ach ja. Brasilien gewann und ich Depp, einer welcher ich war, versank in einem dehydriertem Achselhöhlenkoma. Meiner Nachbarin wurde am Eingang des Fan-Parks deren Deo entzogen („Neee, das müssen sie hier lassen, das ist gefährlich!“) und mich hat dann deren Körpergeruch so fasziniert und körperlich total betört …

Kroatien verlor und die Fan-Meile sieht mich auch nicht wieder. Solchen Scheiss muss ich mir ja nicht dauernd gönnen. Ich mein die Fanmeile, nicht die anderen, zudem hat mir meine Freundin verboten unseren Flur um 1600 Meter zu verlängern, um eine Brasilien-Fan-Meile zu errichten. Die FIFA hatte uns per Briefchen untersagt, die verlängerte Hauseinfahrt als solche zu deklarieren. War wohl auch opportun, da wir nur Baugenehmigungsabsagen seitens der Stadt erhielten. Was solls. Gut, ich bin wieder aus dem Geruchskoma erwacht und gleich folgt noch der Bericht von was anderem.

Grüsse aus dem weltmeisterlich gestimmten Norditalien südlich von Südschweden bedroht von einem Problembär namens JJ1 aus Italalien …

Euer Rasender Reporter
Harry Hirsch (mit der Lizenz zur drittklassigen Berichtserstattung)