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Ein komisches Insekt (Teil 2)

Veröffentlicht am 15. Dezember 2005 - 09:42h unter Blogarchiv 2005-2012

Erinnert ihr euch an den Beitrag „Ein komisches Insekt„? Ich hatte keinen blassen Schimmer und musste mich erst aufklären lassen, dass da irgendwas geschlüpft ist. Was, dass wussten wir nicht. Und jeden Morgen waren wieder neue leere Panzer zu entdecken. Und dann ruft mich mein Schatz heute abend, dass da wieder ein „Bicho“ (Ungeziefer) sitzt, aber noch lebendig. Und ich hatte alle Zeit, es zu beobachten.

Denn heute nacht von 23.30 bis 2.00 ist es passiert!

Es war eine sogenannte Imaginalhäutung, die ich miterleben durfte.
Und zwar von einer Zikade.

Hierzu erst einmal ein paar Auszüge aus Wikipedia:

Die Zikaden oder Auchenorrhyncha sind eine Gruppe der Insekten und gehören zu den Schnabelkerfen (Hemiptera). Von den bekannten ~50.000 Arten leben in Mitteleuropa etwa 900. Die Körperlänge der Tiere beträgt i.d.R. zwischen 1,8 und 38 mm, die Kaiserzikade (Pomponia imperatoria) kann bis zu 70 mm lang werden und eine Flügelspannweite von maximal 180 mm erreichen. Alle Zikaden ernähren sich saugend von Pflanzensäften. Dies sind die Leitungsbahnen (Xylem oder Phloem), die Zellverbände zwischen den Epidermisschichten (Mesophyll) und Pflanzenwurzeln. Bei vielen Arten der Zikaden liegt eine enge Wirtspflanzenbindung vor.

Alle zu den Zikaden gehörenden Gruppen sind durch einen Saugrüssel gekennzeichnet, dessen Grundaufbau bei den Schnabelkerfen beschrieben wird. Dieser liegt bei den Zikaden im Kehlbereich, was ihnen ihren wissenschaftlichen Namen „Kehlrüßler“ einbrachte.

Die Vorderflügel der Zikaden sind nicht verhärtet wie bei den Wanzen, obwohl sie deutlich derber als die Hinterflügel sind. In Ruhestellung werden die Flügel dachartig auf den Hinterleib gelegt, im Flug werden beide Flügelpaare häufig durch Häkchen miteinander verbunden. Die Hinterbeine sind zu Sprungbeinen umgestaltet, was den meisten Zikaden sehr gute Sprungeigenschaften verleiht.

Eine Reihe von Arten der Zikaden sind in der Lage, Geräusche zu produzieren. Hierzu besitzen sie ein eigenes Organ, das „Trommelorgan“ (Tymbal) am Beginn des Hinterleibs. Durch ansetzende Muskeln (Singmuskel) werden Schallplatten in diesem Organ in Schwingung versetzt. Verdeckt wird das Organ durch einen Deckel, der vom letzten Brustsegment ausgeht, häufig noch zusätzlich durch eine Platte am Organ selbst. Direkt unter dem Singmuskel sorgt ein großer Luftsack für die notwendige Resonanz. Mit Hilfe dieser Organe können Laute im Bereich von 0,5 bis 25 Kilohertz erzeugt werden, allerdings sind nur die Laute der Singzikaden (Cicadidae) vom Menschen wahrnehmbar.

Der Gesang der Männchen dient vor allem der Anlockung der Weibchen, er kann jedoch auch zur Festsetzung von Reviergrenzen eingesetzt werden. Auch Weibchen können singen (ausgenommen manche Weibchen der Singzikaden), ihre Gesänge sind allerdings weniger vielfältig.

Dann habe ich weiter recherchiert und fand dies bei http://www.mathezentrale.de:

Zikaden gehören zu den Insekten. Es gibt auf der Welt mehr als 30.000 verschiedene Arten von Zikaden. Die Mundwerkzeuge sind vom stechend-saugenden Typ, denn Zikaden sind Pflanzensaftsauger an den unterschiedlichsten Pflanzenarten. Zikaden können meist mit den kräftigen Hinterbeinen gut springen.

Jeder von uns, der in Italien oder in anderen Mittelmeerländern schon einmal einen Sommerurlaub verbracht hat, kennt den typischen Gesang dieser Zikaden. Sie heißen deshalb Singzikaden. In Südeuropa (Mittelmeergebiet) gibt es rund 45 Arten von Singzikaden und in Europa rund 500 verschiedene Singarten. Der laute Klang der Singzikaden kündigt uns Menschen aber auch in Deutschland den Beginn des Sommers an. Der hohe, schrill angesetzte Sägeton, der kommt und geht, ist der Liebesruf der männlichen Zikade. Mit diesem durchdringenden Pfeifen versucht das Männnchen ein Weibchen anzulocken.

Hier können Sie sich den Gesang auf Wunsch anhören.

Aber wie erzeugen Singzikaden diese Klänge? Singen sie mit ihrem Mund oder werden die Töne, so wie bei anderen Insekten, mit den Flüglen erzeugt? Die Antwort ist beidemal falsch. In Realität benutzen die Zikaden eine spezielle Membran als Klangerzeuger am vorderen Teil des Hinterleibes, den nur die Männchen besitzen. Diese Membran wird durch zwei starke Muskeln in Schwingungen versetzt. Der Hinterleib selbst dient dabei als Resonanzkörper, so wie bei einem Cello. So ist es leicht für uns die Männchen von den Weibchen zu unterscheiden. Aber auch die Singzikaden besitzen Hörorgane seitlich am Hinterleib. Wenn einem Weibchen der Gesang eines Männchen gut gefällt, so sucht es seine Nähe und für den Nachwuchs ist gesorgt. In diesem Fall ist dieser Gesang das schönste Liebeslied für das Weibchen. Eine afrikanische Zikadenart (Brevisana brevis) ist übrigens die lauteste Zikade. In ihrer unmittelbaren Nähe wurde ihr Gesang mit einer Lautstärke von über 105 Dezibel gemessen. Es wird angenommen, daß diese Lautstärke nicht nur zum Anlocken der Weibchen, sondern auch zur Abschreckung von Freßfeinden eingesetzt wird.

Zikaden haben lange Entwicklungszeiten, insbesondere bei den Singzikaden findet man mehrjährige Entwicklungszeiten. Eine Zikadennymphe kann mehrere Jahre unter dem Boden des Waldes, in Form eines flügellosen Insekts verbringen. Langsam durchläuft es seine Entwicklungsphase um am Ende durch einen selbst gegrabenen Tunnel an die Oberfläche zu gelangen. Die amerikanische Siebzehnjahr-Zikade (Magicicada septendecim) verlässt erst nach genau 17 Jahren ihr unterirdisches Versteck, um einen Sommer lang auf Erden zu wandeln und Hochzeit zu halten. Für viele Vögel, Reptilien und kleine Säugetiere ist dieses saftige Insekt ein Leckerbissen. Ihre Feinde leben in der Regel in 2-, 4- oder 6-Jahres-Rhythmen. Was hat dieser Sachverhalt für Konsequenzen? Unter folgenden vereinfachten Annahmen können uns einige Tabellen schnell weiterhelfen:

– Eine Zikade hat einmal im Leben Nachfahren.
– Es gibt genügend Nahrung in Form von Pflanzen für Zikaden.
– Feinde der Zikaden seien ein Vogel mit dem 4-Jährigen Zyklus und ein Reptil mit dem 6-jährigen Zyklus.

Man fertige je 2 Tabellen an, einmal je mit der Zikade mit 13-jährigem Entwicklungszyklus und einmal je mit dem fiktivem 12-jährigem Entwicklungszyklus und verwende unterschiedliche Anfangspopulationen und Fressgewohnheiten. Was fällt da auf?

Blieben die Zikaden also beispielsweise nur 12 Jahre unter der Erde, träfen sie auf eine ganze Armee von Widersachern, weil deren Wachstumszyklen sich alle an diesem Punkt überschneiden. 17 ist eine Primzahl und daher weder durch 2 noch durch 4 oder 6 teilbar. So vermeiden die Tiere einen übermäßigen Feindkontakt, indem sie auf Geburtenschwache Jahrgänge setzen. Mit dem 13-jährigen Entwicklungszyklus erhöhen diese Zikaden also ihre Überlebenschanchen. Forscher des Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund fanden in einem eigenen mathematischen Modell, dass die Lebenszyklen von Zikaden unter diesen Umständen bei Zyklen von 7, 13 und 17 Jahren optimal sind. Im Anschluss an diese Ergebnisse erhält man eine anschauliche Anwendung der Eigenschaften der Primzahlen.

Seit ihr jetzt genauso verwirrt wie ich?
Klasse, dann stehe ich nicht mehr alleine da.

Wie es sich mit meiner Art verhält, die ich natürlich nicht klassifizieren konnte, kann ich nicht sagen. Und wie man auf den nachfolgenden Fotos erkennen kann, kam sie tatsächlich aus dem Boden. Rund um den Baum bei uns im Garten sind jetzt bestimmt zwanzig 50-Pfennig-Stück-grosse Löcher.

Aber nun zu den Bildern. Nachfolgend habe ich vier Stück ausgewählt. In meinem Fotoalbum findet ihr in besserer Qualität knapp 100 Fotos des Schlüpfens. Und viele Detailaufnahmen. Ich denke, einige Fotos sind mir ganz gut gelungen. Alles spielte sich im übrigen senkrecht am Baum ab. Ich habe die Bilder nur der Optik wegen gedreht.


23.42 Uhr – Da sitzt sie und rührt sich nicht!


00.16 Uhr – Der Kopf ist schon draussen!


01.04 Uhr – Sie beginnt die Flügel zu entfalten!


02.08 Uhr – Da sitzt sie nun fix und fertig!

Das Rätsel ist also fast gelöst. Nur eines wissen wir nicht. Wie lange haben sie da im Boden gelebt? Aber das werden wir wohl nie erfahren ….

Eines wissen wir aber trotzdem. Um Punkt sechs Uhr, also im Morgengrauen, begann sie den Baum hochzukrabbeln. Sie flog nicht davon, nein, sie stieg über ihren Panzer hinweg und verschwand in den oberen Ästen. Für die Zikade, ja auch für mich, war die Nacht vorbei.