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Brasilien ist … immer nur mein Brasilien

Veröffentlicht am 24. März 2007 - 19:46h unter Blogarchiv 2005-2012

Nein, bei mir wachsen keine Palmen am Strassenrand. Auch den Strand kann ich von meiner Terrasse nicht sehen. Salzige Meerluft weht niemals kühlend über unser kleines Grundstück und Samba höre ich nur, wenn ich selbst die CD in die Stereoanlage einlege. Carnaval läuft maximal im Fernsehen und selbst die grünen Kokusnüsse gibt es nur ein paar Mal bei uns im Supermarkt. Die Klischees Brasilien sucht man daher bei mir vergeblich.

Und doch lebe ich in diesem riesigen Land voller Gegensätze. Irgendwo da unten, an einem kleinen Zipfel, welcher auf einer Landkarte dargestellt, Millimeterarbeit bedeutet. Von dort aus sind es nur ein paar Zentimeter in die grossen Metropolen. Ein paar Zentimeter, die Busfahrten von Berlin nach Mailand bedeuten. Ein paar Zentimeter, die einem Flug von Frankfurt nach Mallorca gleichkommen. Und da geht es gerade einmal von West nach Ost. Lasst uns daher bitte nicht von Breitengraden reden. Auch ich kenne „das Brasilien“ nur aus Erzählungen, Fernsehen, Internet. Ich kenne nur „mein Brasilien“.

Ein Brasilien voller Emotionen, voller Hoffnung, voller Verzweiflung. Ein Brasilien, welches zugleich Untergang und Aufstieg bedeutet. Menschen, die sich manchmal vergessen fühlen, aber nie vergessen können, ein Teil eines Volkes zu sein, welches der Zukunft stets positiv entgegenblickt. Sie sind wie ein Kolibri, der auf der Suche nach blühenden Landschaften durch meinen Garten fliegt. Jede Störung bedeutet Flucht. Jede Flucht beschreitet pfeilschnell neue Wege. Neue Wege bedeuten Anpassung. Anpassung bedeutet Überleben.

Überleben. Die Angst des eigenen Versagens zu überwinden. Das Vertrauen in sich und seine Familie zu besitzen, dass bei dem richtigen Glauben – ob nun religiöser Natur oder nicht – sich in der Zukunft der Schlüssel zur Vergangenheit befindet. Denn man lebt Heute. Und dieses ist bekanntlich Morgen Vergangenheit. Und die Fehler der Gegenwart, die man intuitiv macht, um die Intensität des eigenen Daseins zu spüren, müssen eben morgen, übermorgen und in den Wochen oder Monaten danach ausgebügelt werden.

Spiessige Deutsche nennen so etwas oftmals Leichtsinnigkeit. Sie unterstellen dann, dass Brasilianer dumm und ungebildet sind, nicht an die Zukunft denken und vor allem nicht mit der Geissel unserer Zeit, dem Geld umgehen können. Soll ich nun behaupten, dass sie dieses Geld in Gänze lieber an einem Abend intensiv geniessen als es häppchenweise wie der zivilisierte Mitteleuropäer auszugeben? Soll ich es wagen, darauf zu bestehen, dass es besser ist, lieber einmal im Monat richtig besoffen zu sein als jede Woche zweimal halb nüchtern? Wo liegt denn nun die ultimative Wahrheit? Wo der Respekt vor den Entscheidungen anderer? Wer mag und vor allem wer darf darüber urteilen?

Unglaublich aber wahr. Sie überleben. Mit dem einen ultimativen Fest, welches vielleicht noch Wochen danach abbezahlt wird. Doch es war es wert. Was haben sie denn sonst? Sie haben vielleicht eine Arbeit, aber Freizeit kennen sie nicht. Sie kennen Zeit, in der sie nicht arbeiten. Sie kennen sogar Urlaub, wobei sie meist nicht wissen, was sie nun anstellen sollen. Denn Hobbies kosten Geld. Sie werden somit wie die anderen Abende sonst auch auf dem Bürgersteig sitzen und sich mit den Nachbarn unterhalten. Bis es dunkel wird und die weltumspannende Fernsehunterhaltung naht. Denn für eine Reise ist kein Geld da. Und ausserdem ist morgen schliesslich wieder ein neuer Tag.

Ein Tag, an dem hier abermals keine Palmen am Strassenrand wachsen. Ein Tag, der erneut jegliches Brasilienklischee in Frage stellt. Ein Tag, an dem mir abermals Menschen voller Hoffnung begegnen werden. Menschen, die ihre Verzweiflung vielleicht bereits hinter der aufgehenden Sonne versteckt haben und trotzdem eine Zuversicht ausstrahlen, die mir das Herz öffnet. Ich mag diese Menschen. Es sind die Menschen in „meinem Brasilien“. Sie sind nicht einfach zu verstehen, obwohl sie oftmals einfach sind. Es sind Menschen, die keinen Caipirinha trinken und Sand nur von den Bauarbeiten an ihrem Haus kennen. Menschen, die lieber ein Kilo Bohnen als eine grüne Kokusnuss kaufen. Und die dann und wann sogar Samba hören. Aber nur, wenn die Musik von meinem Haus aus über die Strasse weht.

(Ich habe diesen Artikel ursprünglich für ein Forum geschrieben, möchte ihn aber den ‚brasilblog‘-Lesern nicht vorenthalten. Natürlich mit der Bitte um Diskussion.)

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